HOUSE-COOKERVIEW MIT RAFAEL DA CRUZ

Die andere Art, DJs beim Mixen über die Schulter zu schauen ist das HOUSE-COOKERVIEW, hier Folge ZWO, ein Interview in den Küchen bei DJs der House/Techno-Szene, die ihre Leibspeise kreieren

– durchgeführt von OUTSTRIPPED –

dieses Mal mit dem charismatischen & sympathischen Portugiesen RAFAEL DA CRUZ: BOM APETITE!

SHORT THOUGHTS OF HOUSE-COOKERVIEW #2

Nach einem tollen ersten House-Cookerview-Dinner bei Perel, statte ich in dieser Folge dem DJ, Produzenten, Veranstalter und Redakteur des FAZEMags Rafael Da Cruz einen Lunch-Besuch in seiner schicken Butze im liebevollen Köln ab. Die Gedanken, die sich hinter einem House-Cookerview stecken, lest ihr im ersten Teil nach. Nach tollem Feedback zur Idee und Perels Nominierungen, hatte ich sämtliche Hebel in Bewegung gebracht, die gewünschten DJs an Land zu ziehen, leider ohne Erfolg. Umso mehr freute ich mich auf die direkte Zusage Rafas aus der Domstadt, der durch seinen Job beim FAZEMag in sämtlichen Musiksparten elektronischen Genres versiert zu sein scheint, sich dieser Tage aber vermehrt im House-Bereich einen eigenen Namen macht. Doch was heißt das dieser Tage? Was viele nicht wissen, Rafael legt schon ungefähr genauso lange auf, wie er als ‘Schreiberling’ tätig ist. Wir sind gespannt – auf seinen Sound als auch auf seine Cooking Skills.

DSC08917

SUNNY THREE COURSE LUNCH – BURRATA IM SPECKMANTEL AUF RUCCOLA & TOMATEN | SOMMERLICH GEFÜLLTE PAPRIKA | PASTEL DE NATA

OPENER

Es ist ein herrlicher Frühlingstag, als ich mich zu Rafaels Wohnung in der Kölner Neustadt-Nord auf den Weg mache. Mit drei alkoholfreien Erdinger bewaffnet, werde ich vom blauäugigen Lockenschopf in eine deluxe Bude nahe der heißbegehrten Ehrenstraße empfangen. Hier hergezogen ist er erst vor kurzem – gemeinsam mit seiner Freundin. Sehr schnieke, hell und geschmackvoll dezent eingerichtet – ein wahrer Glücksgriff und sowieso scheint Rafaels Hintern schon immer durch glückliche Zufälle von der Sonne geküsst worden zu sein, aber dazu später mehr. Ich muss schmunzeln: ehrlich gesagt hatte ich ein ganz anderes Bild von Rafael in meinem Kopf – umso schöner, dass ich meine Vorurteile, die ich hier natürlich nicht ausplaudern werde, direkt wieder über Bord schmeißen konnte. Durch und durch gibt er seine gastgeberischen Qualitäten zum Besten, führt mich durch die Wohnung, eröffnet mir seine Gerichtsauswahl und scheint dabei die Ruhe selbst zu sein.

DSC08912

Ein Drei-Gänge-Frühlingsmenü:

‘Als Vorspeise gibt es Burrata im Parmaschinkenmantel auf einem Ruccolabouquet, dazu Kirschtomaten mit Balsamico. Die Hauptspeise ist eine mit Thunfisch, Avocado, Ei und Mandelmus gefüllte Paprikahälfte mit Sesamtopping… sehr sommerlich und bekömmlich. Als Nachtisch habe ich uns ein paar original Pastels de Nata aus meiner Heimat besorgt’ (für alle, die nicht wissen, was dieses portugiesische Nationalgebäck ist: ein Puddingtörtchen im knusprigen Blätterteig).

Und ich denke nur noch: ‘Mhmmm…klingt das lecker’. Ruckzuck fühle ich mich im Hause Da Cruz ungemein wohl und hoffe durch meine mitgebrachten Getränke etwas von dieser Wärme zurückgeben zu können, leider stellt sich heraus: Rafael trinkt kein Bier. Er bietet mir stattdessen einen ausgezeichneten portugiesischen ‘Vinho Verde’ an. Ein junger Weißwein, der durch seine fruchtig spritzige Note besticht. (Leider muss auch ich, bedingt durch andere Umstände, passen).

DSC08914

COOKING

Kaum mit dem Waschen des Salates fertig und dem Anziehen der Burrata in die Parmaschinkenhülle begonnen, kommt Freundin Jenny von der Arbeit nach Hause. Ab diesem Zeitpunkt sind die beiden ein Dreamteam: Jenny ist direkt mit dem Schnibbeln der Tomaten und dem Anrichten am Start – Rafael plaudert aus seinem persönlichen Nähkästchen und wie sein Werdegang bis heute ablief – als 17jähriger von der großen Schwester in damals angesagte Lokalitäten wie das „Tiefenrausch“ mitgenommen worden, vom Praktikum und der anschließenden Mitarbeit beim damaligen Technoblatt RAVELINE, den ersten DJ-Erfahrungen mit 18, von autodidaktisch erlernten Bastelstunden mit Ableton im Studio in Essen, seinen ersten selbst veranstalteten illegalen Parties in Bonn namens THE GARAGE und von der ersten Ausgabe der Partyreihe RIGHT TO LOVE mit RIPPERTON, die bedingt durch seine damalige Unbekanntheit und den strikten Parametern des Kölner Klüngel (DAVID HASERT hatte neulich den Begriff bei THUMP ziemlich einleuchtend erläutert), mit acht zahlenden Gästen mächtig in die Hose ging, bevor sein Name in die Kölner Szene drang und das GEWÖLBE auf ihn aufmerksam wurde. Wenig Background hat der Portugiese nicht gerade. Im Hintergrund vernehme ich den heißen Track IVORY von MOVEMENT. Im Handumdrehen steht die Vorspeise auf dem Tisch und wir machen uns über den zart anmutenden, weißen Klops her. Spätestens seit dem Besuch im Cinema Paradiso in Amsterdam hat er sich in Burrata verknallt. Passend dazu läuft JAMIE XX und als ich den Teller knipse, schmunzelt Rafael und schaut dabei rüber zu Jenny: ‘Wir schicken uns auch ständig Essensbilder zu, wenn ich auf Tour bin.’ Einige Food-Pics finden sich ebenfalls auf Rafaels Facebook und Instagram Account, u.a. das eine oder andere Strammer Max Face.

DSC08919

Nach dem ersten vorzüglichen Gang, machen sich die beiden auf zur Vorbereitung der Hauptspeise. Frische und schnelle Gerichte probieren die Beiden gerne zusammen aus, aber wenn die Zubereitung zu lange dauert, wird der Gang zum Restaurant bevorzugt. Dabei schwärmt Rafael vom Vorspeiseteller bei MERCATO DELUXE in Köln und wählt einen Song von Martin Gore (MG) aus seiner Spotify Trackliste aus. Währenddessen dirigiert Jenny in der offenen Küche, zerkleinert in Windeseile die Zutaten für die Füllung der Paprika, Rafael ist für das Mixing und Feintuning in der Schüssel zuständig – klare Aufgabenverteilung, die meiner Meinung nach sein muss, wenn Dinge funktionieren sollen.

DSC08923

RECIPE

Das zum frühlingshaften Wetter passende Gericht wurde von beiden schon einige Male zubereitet und wird daher immer wieder gern gemacht. Eier hart kochen. Die restliche Zutaten ganz klein in Würfel schnibbeln und in eine Schüssel geben, mit dem Mandelmus vermengen. Dann die frische Füllung einfach in die Paprikahälften stopfen, Eierscheiben drauflegen, mit Sesam bestreuen. Fertig.

‘Gerade wenn man so viel unterwegs ist wie ich, ist es schwer, sich gesund zu ernähren. In den meisten Flughäfen jagt ein Burgerladen den nächsten. Von daher liebe ich es, zuhause etwas mehr Wert darauf legen zu können.’

DSC08925 DSC08929 DSC08931 DSC08934

MIXING

Dieses Gericht soll sogar ohne Salz und Pfeffer auskommen. Ich bin gespannt. Jenny: ‘Da fehlt noch ein bisschen Deko drum herum.’ Rafael: ‘Ach quatsch…das soll so minimalistisch (lacht)’

Wir setzen uns und sind bereits merklich angesättigt vom ersten Gang, freuen uns aber alle auf unsere Paprikahälfte, die ich auf jeden Fall nachwürzen muss. Sonst ist das gesunde Ding eine super Wahl, wenn es schnell gehen aber trotzdem nicht zu simpel sein muss. Beim Essen begleiten uns JOY WELLBOY und HOWLING und ich frage Rafael nach seiner musikalischen Orientierung aus den ersten Tagen, wenn es um elektronische Musik geht.

‘Das wird viele sicherlich überraschen, aber ich bin mit MOUSSE T groß geworden. Club-House war vor zehn Jahren omnipräsent und für viele der Einstieg in die heutige Szene. Heute bevorzuge ich Flächen, Atmosphären oder wie ich es gerne sage: Den großen Moment. Dazu geführt hat u.a. ein für mich legendäres Set von KOLLEKTIV TUMRSTRASSE aus dem Laguna in Frankfurt, welches ich rauf und runter gehört habe. Das ist der Sound, der mich und meine Musik definitiv geprägt hat. Ich bin froh, dass die Leute nach einer ziemlich zermürbenden Minimalwelle nicht mehr ausrasten, wenn nach zehn Minuten mal eine Hi-Hat dazu kommt. Ich brauche Leben und Gefühle in der Musik. Einen Marcus Worgull oder Dixon höre ich schon seit Jahren, nun werden sie zu den besten DJs der Welt ernannt und sind populärer denn je. Ach übrigens du kannst übrigens gerne sagen, wenn es dir nicht schmeckt (lacht)“.

Schmecken tut es sehr wohl, dennoch würde ich, wenn ich das Rezept nachkoche, eventuell einige Ergänzungen vornehmen. Das sage ich aber just in dem Moment nicht. Ich könnte mir herrlich noch Chilli, etwas Minze und einen ordentlichen Zitronenspritzer in der Füllung vorstellen. Als ich Rafael nach Namen frage, die ihn zur Zeit inspirieren, braucht er nicht lange nachzudenken: ‚Frankey & Sandrino, Daniel Bortz, Âme oder auch André Lodemann treffen meinen aktuellen Zeitgeist.’

DSC08937

INTERLUDE

Auch Rafael schafft seine zweite Paprikahälfte nicht mehr und schmunzelnd stellt er fest, dass es für ihn eine ungewohnte Situation ist, mal nicht derjenige zu sein, der Fragen stellt sondern Rede und Antwort stehen muss.

Das Schreiben hat mir unglaublich viel geholfen bislang, keine Frage. Ohne dieses Netzwerk, dass ich mir dadurch aufbauen durfte, wäre es sehr schwer. Heutzutage geht es generell fast nicht ohne.’

Dennoch ist es für ihn an der Zeit, den Journalismus in gewissen Punkten zurückzuschrauben und z.B. keine Reviews mehr zu schreiben.

Seien wir doch mal ehrlich, Begrifflichkeiten sind nichts mehr als Schall und Rauch, wenn es um Musik geht. Irgendwann ist alles gesagt und der Quatsch lässt sich nicht mehr in Worte fassen. Ich kann mich noch an meine allererste Platte erinnern, die ich rezensieren sollte. Es war unglaublich schlechte Musik, die da aus den Boxen ertönte. Der Künstler nannte sich ‘Peter Dildo’ und ich hatte vorher noch nie etwas von ihm gehört. Ich schrieb also, dass dem Dildo sehr schnell die Batterien ausgehen auf der Nummer. Weder ich noch meine Kollegen haben jemals wieder etwas von ihm gehört (lacht). Lange Zeit habe ich Platten zerrissen oder gefeiert. Jetzt aber, wo ich selbst produziere, Veröffentlichungen habe und mit den ganzen Leuten gemeinsam toure, möchte ich mir nicht mehr erlauben, zu sagen, was gut oder schlecht ist.’ Das finde ich gut.

DSC08943

TASTING

Mittlerweile sind wir beim Dessert angelangt und ich bekomme einen feinen Espresso Macchiato mit dem Pastel de Nata kredenzt. Ich bin interessiert, wie es zu seinem ersten Release direkt bei COMPOST Rec. kam.

Nun ja, es war mir wichtig, mir selbst zu beweisen, dass ich für meine erste Produktion auch ohne mein Netzwerk auskomme. Deshalb habe ich den Track an ein Label geschickt, was ich unheimlich gerne mag und wo mich weder persönlich noch aus E-Mail-Kontakt jemand kannte. Eine Stunde nachdem die E-Mail mein Postfach verlassen hatte, rief mich Michael Reinboth an und signte die Nummer. Eine Woche später hatte ich in Köln die COSMIC COWBOYS aus Venedig zu Gast. Wir haben sehr viel Alkohol getrunken und uns prima verstanden. Montagmorgens haben sie nach den Files zum Track gefragt, in der Nacht darauf hatte ich plötzlich einen Remix von ihnen in der Dropbox. Das war unglaublich. Dazu kamen noch die Remixes von THE BLACK 80s und David Hasert… Leute, die ich seit Jahren zu schätzen weiß und deren Tracks ich in jedem meiner Sets spiele.’

Ich beisse genüsslich in das knusprige Gebäck und will mehr solcher Stories hören. Dabei verrät mir Rafael, dass er mit seiner neuen Bookingagentur WILDE mehr als zufrieden ist. „Noch vor zwei Jahren habe ich davon geträumt, mal außerhalb von Köln aufzulegen. Mittlerweile steige ich recht regelmäßig in den Flieger. Das soll weder cheesy noch sonst etwas klingen, aber für mich geht damit ein riesiger Traum in Erfüllung.“ ‘Wow, wat für ein lockiges Glückskind’, denke ich.

DSC08949

OUTRO

Natürlich quatschen wir drei nicht nur über Musik und Rafaels Business – wir tauschen uns auch privat aus und die Atmosphäre wird immer freundschaftlicher. Als letzten Interviewpunkt frage ich ihn nach den Unterschieden der Szene in den Städten Berlin und Köln.

‘Ich finde beide Städte super. Aber was es in Köln zu wenig gibt, ist in Berlin zu viel. Die Hauptstadt ist im Vergleich zu Köln ausufernder und experimenteller drauf. Während in Köln um 6, spätestens 7 Uhr Schicht im Schacht ist, fängt es in Berlin gerade erst an interessant zu werden. Köln ist daher eher solide und traditionell, schon fast familiär. Berlin ist in der DJ-Szene auf jeden Fall die Tür ins Ausland, viele Leute im Ausland sprechen mich immer zuerst aufs Berghain oder die Panoramabar an und fragen, wie es dort so ist. Köln bringt jeder direkt mit Kompakt in Verbindung und das ist auch gut so (lacht).’

Mit der Antwort gebe ich mich mehr als zufrieden, denn jedes Mal, wenn ich nach Köln ins Kompakt-Haus komme, verspüre ich diesen familiären Touch. Mit der Familygründung will Rafael jedenfalls noch ein bisschen warten, nicht so mit seinem nächsten Release – eine neue Nummer ist für den kommenden Herbst/Winter geplant. Aktuell bespielt er eine Tour in Südamerika, danach geht es fast nahtlos mit dem 3. Geburtstag seiner RIGHT TO LOVE weiter. Denn dort empfängt er am 27. Juni den Berliner Andé Lodemann. Wir freuen uns, dass es läuft!

MUITO OBRIGADO SENHOR DA CRUZ!

Rafaels Nominierungen: RUEDE HAGELSTEIN | TIEFSCHWARZ

VISIT RAFAEL DA CRUZ: HOME | FACEBOOK | SOUNDCLOUD

sndylcs

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *